„Chef, ich komme morgen nicht, ich fahr nach Hamburg. Ist ein Urlaubstag!“ rufe ich im Gehen. Mein Chef brummelt etwas, das wie „OK“ klingt und wieder einmal bin ich froh, dass ich so schnell und unkompliziert Urlaub nehmen kann. Es soll nach Hamburg gehen. In den Räumen vom dortigen Ableger des Chaos Computer Club steht ein Vortrag von mir an: „Halt! Passkontrolle!

Mein Zug nach Hamburg geht um 12:38 vom Hanauer Hauptbahnhof. Die veranschlagte Reisezeit sind 3 Stunden und 51 Minuten. Vorher muss ich noch irgendwie zum Hauptbahnhof kommen, Zigaretten besorgen und packen. Mein Tag beginnt um 7:30. Nach ausgiebigen Kaffeetrinken schmeiße ich meinen Kram in den Rucksack, natürlich nicht ohne die Hälfte zu vergessen. Ich wollte eigentlich einem Kumpel einen Adapter mitbringen, den ich nach dem 31C3 eingepackt hatte und statt ihn in Hamburg zu lassen mit nach Hause genommen habe. Vergesslichkeit ist mein dritter Vorname (direkt nach Schusseligkeit). Mir ist ein paar Tage vor dem Termin aufgefallen, dass ich noch keinen Schlafplatz habe. Ein Problem, dass schnell gelöst ist. Ich bekomme den gleichen Platz, den ich erst ein paar Monate vorher während des Kongresses hatte. Es ist gut, in den Städten, die man besucht, Menschen zu kennen.

Ich habe die Fahrkarte vorgelegt. In den Sparpreisen der Bahn war die Fahrt nach Hamburg nicht mehr verfügbar, eine einfache Fahrt hätte um die 70 Euro gekostet. Der IC ist bezahlbar und fährt aber im Gegensatz zum ICE durch. Einsteigen, sitzen, aussteigen. Das klingt dermaßen verlockend, dass ich mit diese Fahrkarte kaufe. Für die Rückfahrt nehme ich das äußerst günstige ICE Ticket. Kurz vor dem Vortrag erfahre ich, dass die Fahrtkosten vom CCC HH übernommen werden. Im Regelfall halte ich keine Vorträge mehr, wenn die Fahrtkosten nicht im Vorfeld abgeklärt sind, hier aber ist das etwas anderes. Ich mag den CCC HH, ich fühle mich ihm sehr verbunden und ich wollte endlich einen Grund haben, die neuen Räume zu sehen. Im IRC-Kanal, in dem ich seit über einem Jahr rumhänge, habe ich gefragt wie es aussieht und ob Interesse an einem Vortrag von mir besteht. Manchmal muss ich mich selbst überlisten. Ich hatte nicht mit einer Fahrtkostenrückerstattung (manchen Wörter tropft die Bürokratie aus den Buchstaben und das hier ist eines meiner Liebsten von ihnen) gerechnet und umso mehr freue ich mich darüber.

Zusätzlich stellen wir fest, dass ich genau ein Jahr zuvor in Hamburg zu Gast war, um den Vortrag „Revolution und Technologie – eine Einordnung“ zu halten. Vielleicht wird ja der 06.03. der Urbach-Tag in Hamburg.

Die IC-Fahrt ist die Pest. Also, der IC ist die Pest. Ich finde ihn schlimmer als eine Regionalbahn oder einen Regionalexpress. Kleine, unbenutzbare Tische an den Sitzgruppen, keine Klapptische in den Sitzen. Keine Steckdosen. Was zur Hölle? Die Gänge so eng, dass kein Durchkommen ist. Ich möchte das nicht. Ich möchte doch einfach nur sitzen und von A nach B fahren. Mit einem bisschen Komfort und nicht wie die Höhlenmenschen eingepfercht., ohne Strom oder Hoffnung. Dann der zweite Schlag: IC. Kein Internet! Es gibt keine verdammte Internetverbindung in diesen Zügen. Gut, im ICE ist es zwischen Fulda und Göttingen nicht besser, denn die Telekom bekommt es ja nicht geschissen, da irgendwas mit Internet hin zu bauen. Aber im IC gibt es nicht mal das 5 Euro Paket zu kaufen, weil es keine Router gibt. Na super. „Ich kann ja nen Film schauen“ denke ich mir, nur um dann 5 Sekunden später zu merken, dass ich 1. keinen Tisch habe und 2. keine Film auf meinem Rechner mitführe.

Ich vergnüge mir die Zeit mit einer lahmenden Edge-Verbindugn auf dem Telefon und chatte mit Freunden und Bekannten. Fast vier Stunden lang. Vier lange Stunden, in denen nichts passiert. Gar nichts. Nicht mal ein Unglück.

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Angekommen in Hamburg werde ich im Bahnhof von zwei Mitveranstaltern abgeholt. Ich freue mich die beiden wieder zu sehen und nach einer Zigarette geht es auf Richtung  Frappant. Das Frappant ist in den Räumen einer ehemaligen Kaserne untergebracht. Hier fand bereits der Vortrag vor einem Jahr, mittlerweile ist das Hamburger Chaos hier eingezogen und bespielt dort ein paar Räume. Ich bin von der Schultafel sehr angetan, die groß und grün an der Wand hängt. Die Einrichtung ist praktisch und in der Ecke mit den Couches auch bequem. Ich bekomme Kaffee zubereitet und warte darauf, dass es sich füllt. Im Flur am Fenster kann geraucht werden. Das tue ich während ich immer nervöser werde. Natürlich ist es albern von mir, nervös zu werden. Das ist nicht mein erster Vortrag. Aber ich glaube, ich brauche diese Nervosität auch, denn wenn ich nicht mehr nervös werde, ist das Vortragen nur noch Geschäft und nicht mehr Hobby, dann ist der Spaß aus der Sache raus. Ich möchte aber Spaß an den Dingen, die ich so treibe haben und von daher: Nervosität ist gut, sie darf nur nicht die Oberhand bekommen.

Die Räume des CCC HH im Frappant

Die Räume des CCC HH im Frappant

Der Raum wurde für die Vortragssituation umgebaut. Eine Leinwand hängt vor der Tafel, an dem Beamer hängt mein Rechner und die Titelfolie präsentiert sich. Gäste Trudeln ein, nehmen Platz. Ich begrüße Freunde, Bekannte und bekannte Gesichter. Ich fühle mich willkommen.

Ein Besucher nimmt mich kurz zur Seite und bedankt sich für einen Vortrag, den ich vor ein paar Jahren zusammen mit johl gehalten hatte. Auf der SIGINT in Köln sprachen wir bei einem Kamingespräch über Depression in unserer Community. Wir haben ihn ermutigt, dazu zu stehen, dass er diese Beeinträchtigung und er ginge jetzt offen damit um, wie er mir sagt. Sein Leben ist nicht besser, aber angenehmer geworden, seit dem sein Umfeld davon weiß.

Der Vortrag läuft gut. Ich habe bei ihm noch keine Routine, ich halte ihn zum ersten Mal. Am Anfang bin ich noch ein wenig unstrukturiert (obwohl ich mir natürlich total strukturiert vorkomme) und das muss ich für das nächste Mal ausbessern. Es sind knapp 50-60 Besucherinnen und Besucher da, die den Weg in den Frappant gefunden haben, um mir zu zu hören. Am Ende des Vortrages gibt es die obligatorische Fragerunde. Es sind nicht viele, aber dafür durchaus Gute. Der Applaus am Ende ist herzlich. Das Feedback in den Gesprächen ist fabelhaft.Man bedankt sich für den Vortrag, freut sich, dass ich extra angereist bin.

Wir ordern Pizza, trinken Bier. Im Stockwerk tiefer ist ein Konzert und eine Photographie-Ausstellung. Jugendliche aus Pinneberg in ihrem natürlichem Lebensraum abgelichtet. Ich finde die Bilder teilweise sehr eindrucksvoll. Irgendwann geht es zu meiner Schlafgelegenheit auf die Couch. Wir trinken noch ein Bier, dann gehen wir schlafen. Es ist halb zwei. Um 10:01 geht mein Zug zurück. Mit dem Bus zum Bahnhof, ein Franzbrötchen eingeworfen und nen Kaffee ergattert. Ich fahre ICE. In Hannover stehen wir 8 Minuten. Eine Rauchen. Das im ICE erstandene Wasser schmeckt abgestanden, alt. So alt wie der Zug der ersten Generation. Das Internet funktioniert nicht. Mein Buch ist ausgelesen. Unbefriedigend diese Fahrt. EDGE auf dem Telefon macht keinen Spaß. Die Tunnel ab Göttingen machen jeden Freude mit mobilen Internet endgültig zu Nichte. Ich bekomme die Idee, meine Reiseerlebnisse aufzuschreiben. Tippen kann ich auch ohne Internet.

Umsteigen in Fulda, rauchen, weiter mit der Regionalbahn. Vier Menschen verzehren jeweils einen stark riechenden Döner. Der Zug ist voll mit Menschen und Dönergeruch. Es riecht streng. Hanau Hauptbahnhof. Ab in den Bus, heim. Es ist 14:45. Ich will nur noch duschen.

Written by tomate

Stephan "tomate" Urbach fährt durch die Welt, um Vorträge zu halten, an Konferenzen teil zu nehmen, Lesungen seines Romans .NEUSTART zu geben oder um Freunde zu besuchen.

2 Comments

Jamalaka

Danke für deinen Reisebericht und die schöne Reisekostenrechnung.

Kannst du hier nochmal klären für welche Länder man drei Pässe braucht um sie bereisen zu können? Ich finde bei meiner kurzen Recherche immer nur das Beispiel mit Israel und arabischen Ländern wie z.B. Libanon.

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